Unsere Budapest-Mission begann mit einer Fahrt durch das ungarische Hinterland. Die Sonne schien hell und die Menschen standen auf den Straßen, um sich ihrer ersehnten Anwesenheit zu erfreuen. Der Frühling machte sich einsatzbereit.



Entlang der Straßen – die eher einem Fleckerlteppich ähneln – gruppierten sich immer wieder Häuser, die den Anschein eines Dorfes erweckten. Dahinter: Acker, Wald oder undefinierbare Steppe. Kein Heim gleicht dem anderen – beherzt wird andauernd und überall renoviert, saniert und umgestaltet. Viel mehr als ein paar Hände, einer Mischmaschine und Bretter werden nicht benötigt. Individuelle Improvisation steht im Vordergrund – Hornbach wäre stolz auf euch. Die Ästhetik liegt wie so oft im Auge des Betrachters.  Liebe ungarische Dorfbewohner, wir lieben euch dafür.

Unsere verträumte Fahrt durch die Pampa wurde kurzfristig unterbrochen, als uns eine Polizeistreife rechts ran winkte. Zwei Herren von der Exekutive – freundlich waren sie, das muss man ihnen lassen – wiesen uns unverzüglich auf unsere Verstöße hin.



Merkt euch, wenn ihr in Ungarn unterwegs seid:

  1. Licht an – ja, immer.
  2. Das Pickerl darf nicht wie in Österreich 4 Monate drüber sein, sondern endet mit dem Datum auf der Plakette.
  3. Ein Reisepass wär auch von Vorteil, versteht sich von selbst, aber hin und wieder sind auch die Besten etwas nachlässig…

Geendet hat unsere Lektion im ungarischen Straßenverkehr mit einer kleinen Buße für das abgelaufene Pickerl. Zumindest war uns dann der Wechselkurs Forint auf Euro bekannt, was auf Reisen jetzt auch nicht ganz unpraktisch sein kann. Wir durften weiterfahren und bekamen noch den Hinweis, dass wir den Beleg allen weiteren Polizisten vorweisen könnten. Diesbezüglich darf zitiert werden: “Ein Problem, ein Problem!”
Amüsiert über die spontane Begegnung, gönnten wir uns eine sexy Kaffeepause an einer Tankstelle und nahmen dann die Autobahn weiter Richtung Budapest. Die bescheidenen Häuser machten Platz für immer konzentriertere Shoppingtempel, wir kamen der Stadt sichtlich immer näher. Man kann gleich wahrnehmen, dass Orbán lieber Geld in Budapest, als in den Rest des Landes investiert. Wir erreichten das Zentrum in der Dunkelheit.



Budapest ist mächtig. Ein treffenderes Wort ist schwer zu finden. Fast alles ist nachts beleuchtet. Die Bauten sind monumentale Zeugnisse vergangener und bestehender Strukturen der Stadt. Nur wenige Altbauten wurden adaptiert oder gar erhalten, die Geschichte der Stadt liegt, von der Zeit geprägt, vor einem.



Wir wohnten in einem, mit Antiquitäten und Flohmarktutensilien berstend gefüllten, Apartment in der Nähe der Synagoge und folglich dem Jüdischen Viertel. Oliver Halmos-Risko, unser Vermieter, war äußerst zuvorkommend und soll an dieser Stelle ruhig mal erwähnt werden.

⊗ Oliver ⊗



Einen kleinen Auszug aus der Serie „weird stuff from Oliver’s flat“ wollen wir euch nicht vorenthalten.



Unser Vollblut Gastgeber gab uns immerhin – da unser Food-Trip auch angekündigt war – eine Fülle an Vorschlägen mit auf unseren Weg, wovon wir hier auch einige gerne vorstellen werden.



Der 7. Bezirk ist nicht nur in Wien an Hippness kaum zu überbieten, auch Budapest mischt kräftig mit. Einige Straßen sind derart mit brandneuen Lokalitäten bestückt, man könnte sich in jeder beliebigen Metropole weltweit befinden. Auch wenn spannende Konzepte begutachtet werden können, fehlen ihnen oftmals Flair und Persönlichkeit. Zusammengewürfelte Möbelarrangements, die Individualität repräsentieren sollen, sind auch nur reine Import-Schlager aus Berlin. Die Kür war es, ausgeklügelte Marketingkonzepte außer Acht zu lassen, um sich auf die Qualität sowie die tatsächliche Umsetzung konzentrieren zu können.

Wir präsentieren euch hier kurzum unsere Æ-approved Auswahl an Budapest’schen must-see-eat-feel-do-experiences:


Mazel Tov.

Restaurant / Bar mit jüdischer Auslegung – täglich geöffnet, immer empfehlenswert!

♦ Mazel Tov ♦


Ecseri Piac.

Fix installierter Flohmarkt der uns einfach umgehauen hat – gigantische Auswahl an Raritäten, die man sich bei uns nicht mehr so leicht unter den Nagel reißen kann. Wir haben die Gelegenheit genutzt um unsere Küchenequipment optisch etwas aufzurüsten.

♦ Ecseri Piac ♦


Szimpla Kert.

Ein über viele Jahre etabliertes, beachtenswertes Konzept einer frei organisierten ‚Romkocsma‘ – Ruinenbar. Von Kunstprojekten bis Schauspielerei, sonntäglichem Bio-Markt bis Restaurant, Disko bis Rock-Konzert und Tonstudio bis Werkstätte ist dort alles zu finden.

♦ Szimpla kert 


The Great Market Hall – Nagycsarnok.

1897 erbaute, basilikaartige Stahlkonstruktion, die mit ihren äußeren sowie inneren Werten nicht geizt. Wer über die klassischen Touristen-Angebote hinwegsieht, erfreut sich über so manch eine kulinarische Besonderheit.

Wer den Einblick von der Ferne aus sucht:
 Doku. ♦ 


Ramenka.

Ramen Nudeln und Co. passen vielleicht nicht ganz ins Schema der ungarischen Traditionsküche, trotzdem war’s dort so herrlich unkompliziert und gleichzeitig hervorragend gut, dass wir die Empfehlung nicht vorenthalten wollen.

♦ Ramenka ♦


Széchenyi-Heilbad.

Packt die Badehosen ein! Eines der größten Thermalbäder ist einen Besuch wert, vor allem wegen der pompösen neobarocken Architektur. Gleich ums Eck steht im Varosliget-Park außerdem die Statue des Anonymus anno 1903 – wir solidarisieren uns.

♦ Széchenyi Bad ♦


Budapest hat uns in einen Bann versetzt – einerseits sind wir verzaubert und andererseits schockiert über die Entwicklungen der ungarischen Regierung, die die Stadt deutlich zeichnen. Zwischen Arm und Reich ist die Kluft unermesslich groß. Viele Menschen sind obdachlos, viele Viertel verwahrlost. Abseits der repräsentativen und monumentalen Plätze, die der Tourismus bis aufs Letzte penetriert, wäre zwar genügend Platz, dass sich eine Vielzahl an neuen Bewegungen und Projekten auftun könnte, es fehlt jedoch an Mitteln und der Staat hält von oben winzig klein. Die Zukunft der Jugend ist unter diesen Bedingungen nicht vorhersehbar.



Seit unserem Besuch ist über ein halbes Jahr vergangen und viel passiert. Wir haben im Frühjahr zwar die Liebe zu Budapest entdeckt, sind aber fassungslos, wie sich das Land in den letzten Monaten – vor allem in Bezug auf die Flüchtlingssituation – entwickelt hat und welche Positionen bezogen wurden.

Viktor Orbán erstickt mit seiner unerbittlichen Politik gegen Andersdenkende und Flüchtlinge jede Hoffnung im Keim. Der Rechtsruck ist gerade in Ungarn und den ehemals sozialistischen Ländern auf ein dramatisches Level angewachsen. Die Angst vor neuen Herausforderungen und fehlenden Strukturen treibt die Bevölkerung wieder hin zu autoritären Herrschern. Was diese Politik aber wirklich bewirkt, wird nicht hinterfragt. Menschen werden stigmatisiert und ausgesondert beziehungsweise abgeschoben. Das solch eine Haltung nicht nur Flüchtlingen gegenüber eingenommen wird, sondern auch für die eigene Bevölkerung gilt, sobald sie nicht zu den Anhängern gehören oder gar ihre Stimme dagegen erheben, finden wir mehr als bedenklich.

Der Rest von Europa ist hier nicht viel besser. Die Auseinandersetzung mit Flüchtlingen in Österreich ist erbärmlich, der rechte Zug nimmt die unterschiedlichsten politischen Farben an. Nur wenige nehmen klare Positionen ein, die den Menschen in den Vordergrund stellen. Die lauten Stimmen kommen wieder mal von rechts. Sie schüren Angst, um Macht zu sichern sowie auszubauen, spielen gekonnt mit dem Unwissen der Bevölkerung und inszenieren diese Furcht vor dem Fremden, genauso wie die Propaganda der Nazizeit.

Wir sind sehr froh, dass nicht alle Österreicherinnen und Österreicher so denken und spüren zum Glück auch die Solidarität der Bevölkerung. Die Für-Bewegung muss sich durchsetzen, stärker werden und darf nicht in Vergessenheit geraten, sobald die Medien nicht mehr darüber berichten. Wollen wir uns hier steuern lassen oder auf unsere Herzen hören?