Ruby, oh red Ruby, our love is infinite. Geschmacklich hat die rote Lady [sic!] ja einiges zu bieten und wir können uns kaum an ihr satt kochen, vorweg wollen wir aber noch ein bisserl das Hintergrundwissen gemeinsam fundieren, damit eh alle auf der gleichen Höh sind.

Die Rote Rübe (Beta vulgaris), gehört zur Familie der Fuchsschwanzgewächse und ist somit auch die abgedrehte Großtante von Mangold und Zuckerrübe. Heimisch ist sie bei uns schon lange, sogar mit den Römern war sie schon verbandelt und hat sich im Laufe der Jahre so einige Namen zugelegt, unter denen sie immer noch auf Lepschi geht. Hier ein kleiner Auszug ihrer Pseudonymen: Rote Be(e)te, Rauna, Rana, Rahne, Rohne, Rone, Ronen, Randig – man merkt, sie nimmt es nicht so heikel. Ähnlich wie der Erdapfel ist sie ein Lagergemüse und hat dadurch rund ums Jahr ihr all-time-high. Der intensive Farbstoff Betanin färbt uns alle Jahre wieder die Ostereier rot und findet außerdem Anwendung in avantgardistischen Teigwaren, für die ganz ausgeflippten unter uns.  G’sund ist sie nicht zuletzt obendrein, enthält wertvolle Spurenelemente, Mineralien, Vitamine und macht uns glücklich.

Grundsätzlich kann man bei der Zubereitung wirklich wenig verhauen – dadurch umso mehr experimentieren. Für Kochverschmäher (warum auch immer ihr hier seid) kann man einfach brachial mit den Zähnen zur Sache gehen und sie roh verzehren – das haben sicher die wenigsten mal probiert, wir nehmen aber immer alle Sinne zur Hand und sind auch dem nicht abgeneigt. Für Stufe zwei der Verarbeitungsskills reicht ein Messer. Man schneidet die Rübe in hauchdünne Schreiben, drapiert sie hübsch auf einem Teller, gibt grobes Salz, Pfeffer und Olivenöl darüber und lässt sie unter dem Titel Carpaccio die Menge durchschreiten. Wenn wir nun heiß zur Sache gehen, kann gebraten, gegrillt oder gekocht werden – sie hält all dem mit Leichtigkeit stand. Ob als Ofengemüse, Borschtsch-Suppe (Selbstnotiz: darüber berichten | Kurznotiz: Rote Bete, Zwiebeln, Ingwer, Weißkraut, Karotten & Erdäpfel kochen; Joghurt/Sauerrahm & Dille drauf; fertig | Selbstnotiz 2: mehr muss man eigentlich nicht berichten), lauwarmer Salat mit Nüssen und Honig, sommerlich mit Joghurt und Kren oder wie heute als Paste/Aufstrich – spielt mit ihr, sie freut sich drauf!


Der Red Ruby aka Rotkäppchen Aufstrich.



Rote Rüben gekocht
2 mittelgroße
Sonnenblumenkerne
2 Esslöffel
Feta
100 Gramm
kleine Knoblauchzehe
1 Stück
Zitronensaft
1 Teelöfferl
Olivenöl
1 Esslöffel
Salz & Pfeffer


Sagen wir mal so, das ganze ist keine Hexerei. Rote Rüben mit der Schale ca. 40 Minuten kochen, anschließend schälen und klein schneiden. Alles miteinander pürieren bis die Masse homogen und cremig ist. Mit Fladenbrot, Olivenciabatta und Co. genießen. Wir grüßen euch farbenfroh aus dem österreichischen Orient – wohl bekommt’s!

Die ⊗Frühstückerinnen⊗ stehen auch auf unseren Red Ruby.



Nicht zuletzt wollen wir auch noch eines der geschmacklich verzaubernsten Ganztags-Frühstückslokale Wiens ans Herz legen. Es wäre mehr als nur fahrlässig, gar fatal, würden wir beim Thema Rote Rübe, die Rote Rübe in der Zieglergasse 37 im 7. Bezirk außer Acht lassen. Argyro Pavlidou, die dankenswerterweise aus Griechenland emigrierte Besitzerin, verarbeitet hochwertige Spezialitäten aus ihrer Heimat zu feinen Köstlichkeiten. Von außergewöhnlich gut gefüllten Crêpes, über herausragende Frühstückskombinationen, zu ganz speziellen, fein aufeinander abgestimmten Salatvariationen – großes Kino, Frau Pavlidou, großes Kino!



Wien, wie immer kannst du dich glücklich schätzen, schon seit Jahrhunderten solch eine Hochburg unterschiedlicher aufeinandertreffender Völker zu sein. Die verschiedenen Kulturen bereichern die Stadt unaufhaltsam, prägen sie und machen sie einzigartig – zu genau jener Stadt, wie Wien sie eben ist. Wenn Menschen etwas (er-)schafften, etwas beitragen, etwas lernen wollen, können wir uns alle nur dankbar schätzen, über die neuen Erfahrungen und den Austausch den sie mit sich bringen. Die Stadtentwicklung Wiens zeigt uns, dass die Zuwanderung eine der Grundvoraussetzungen ihrer erfolgreichen Geschichte ist. Zwischen 1870 und 1910 stieg die Einwohnerzahl von rund 900.000 auf mehr als das Doppelte (über 2 Millionen) an. Die ‚Zuagrasten‘ machten mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus. Wien wurde zum kulturellen Schmelztiegel Europas und erlebte vermutlich eine der besten Epochen ihrer Geschichte. Die Wiener Moderne, mit den künstlerischen, kulturellen und wissenschaftlichen Ergüssen von Freud, Loos, Schiele, Wittgenstein, Wagner (Otto nicht Richard), Schnitzler, Mahler, Kokoschka, Hoffmann, Klimt und Moser – um nur das gröbste Namedropping zu betreiben – hinterlässt in der Stadt nicht nur Relikte, das wäre wohl weit untertrieben, sie beeinflusst ihre Entwicklung grundlegend bis zum heutigen Tage.

Wir sind dankbar über den Reichtum und die Vielfalt, die uns diese Periode hinterlassen hat. Lernen wir aus den Spannungen, die sich nach dieser Zeit hochschaukeln ließen, lernen wir aus den Ängsten, die damals schon bewusst kanalisiert wurden, lernen wir aus den Mobilisierungen, die bald darauf einzelne Gruppen stigmatisieren – lernen wir genau hinzuschauen, nachzudenken,  zu differenzieren und Meinungen zu beziehen, auf dass unsere Zukunft anders verläuft.

Wir glauben daran.